NEMOSOMEN
im Zeichen von niemandem.
Das Ziel des Projektes ist es, die
schillernde und vielfältige Szene Innsbrucks audiovisuell darzustellen, exemplarisch erarbeitet an
den Veranstaltungen der
medien.kunst.tirol . Eine Einzelsicht kann nie die
Facetten einer gesamten Szene darstellen, deshalb soll eine vielschichtige, kollaborative
Medienlandschaft gestaltet werden, die zur Veröffentlichung der eigenen Perspektive einlädt.
Wie sieht das aus?
Man öffnet den Videoplayer, sucht nach
Schlagwörtern, Terminen, Orten oder Gruppen und bekommt eine Reihe Videos zur Auswahl. Man wählt
eines aus, lädt je nach Internetverbindung noch ein bisschen und sieht sich das Video an.
Wie unterscheidet sich das jetzt von youtube oder lokalen
Internetfernsehangeboten?
In gleichem Maße, in dem sich ein Wiki
(Wikipedia,...) von einer herkömmlichen Homepage unterscheidet. Im Videofenster ist ein kleiner „
Edit“ Link präsent. Von diesem Link ausgehend, ist es dem Betrachter zu jedem Zeitpunkt möglich das
Video zu verändern. Mich hätte interessiert, wie dieses Interview weitergegangen wäre. Ich finde
die Musikunterlegung unerträglich? Jetzt würde ein Video von mir als Cut gut passen, man sollte, um
den Kontext zu erläutern, ein Textinsert überblenden. Kein Problem, auf „Edit“ klicken und die
eigene Version erstellen.
Würdest du lehren zu lesen, aber nicht zu schreiben?
Die Videobearbeitung wird auf das minimale
Subset reduziert. Um einen Bericht zu erstellen, benötige ich eine Abfolge von Szenen, jeweils aus
einer längeren Quelle geschnitten und ein bis ein paar Audiospuren. Über ein einfaches graphisches
Interface, der Möglichkeit normales MidiEquipment als Steuerungsmöglichkeiten zu verwenden, ist die
Grundtechnik recht einfach. Das wichtigste bleibt aber ohne Zweifel die Ausbildung, ein
interessanter Bericht ist nicht nur eine Frage der Technik. Hier wird eine doppelte Schiene
gefahren.
Zum einen werden Einsteigerseminare analog
zu Freirad gefahren, ein Wochenende an dem gemeinsam Beiträge erstellt werden und die
Grundtechniken unter Anleitung geübt werden.
Die zweite Schiene ist der frühe Einstieg.
Audiovisuelle Medien sind zur größten Informationsquelle aufgestiegen, der kritische Geist
diesbezüglich jedoch wenig geschult. Jeder Volksschüler kann einen eigenen Text schreiben, und
erkennt welch großen Unterschied es macht, ob man nun einen Satz wegläßt oder nicht. Dass dasselbe
auch für Fernsehbeiträge gilt lernt man wohl erst, wenn man sie selbst gefälscht hat. Hierfür
werden einige Beiträge zu aktuellen Themen erstellt, die von Schülern im Rahmen des Unterrichts
nach ihrem Willen verfälscht, verändert, bearbeitet und aktualisiert werden sollen. Es geht dabei
weniger darum, gute Beiträge zu erstellen, als zu zeigen, mit wie wenig Aufwand man Aussagen von
Beiträgen verändern kann. Gespräche mit demenstprechenden Organisationen sind am Laufen, können
mangels Abschluss hier aber noch nicht präsentiert werden.
Und wie soll das funktionieren, in einem laufenden Video etwas zu
verändern?
Um das zu ermöglichen haben wir einfach
Ideen bei einer relativen alten freien Szene gestohlen. Namentlich die FreeSoftwareFoundation
(Richard Stallman). Die hatte vor über 20 Jahren eine Idee zur Veröffentlichung von Software. Nicht
das fertige Produkt wurde veröffentlicht, sondern exakt das mit dem der Ersteller gearbeitet hat,
die Quellen und die Anweisungen aus diesen Quellen ein fertiges Produkt zu bauen. Auch das fertige
Produkt durfte ausgeliefert werden, aber eben immer auch der exakte, originale Bauplan. Und darüber
hinaus wurde gefordert, bei Verwendung dieses Bauplans, jede Änderung auch zu veröffentlichen. Das
begründete eine Open Source (richtiger Free Software) Szene, die es geschafft hat, ein ehemals von
wenigen Konzernen kontrolliertes Ökosystem für Einzelne, Universitäten und kleinere Gruppierungen
wieder urbar zu machen.
Dieses Modell soll nun auch den Medien
zugänglich gemacht werden. Mit den Creative Commons gibt es zwar schon Annäherungen, doch gibt mir
eine Creative Commons Veröffentlichung nur das Endprodukt. Was herausgeschnitten wurde ist
unwiederbringlich verloren, ist eine Tonspur über die Sprache gelegt, ist es praktisch unmöglich
den Originalton wieder herzustellen.
Während independent Produktionen unter CC,
auf youtube,... zwar das Spektrum definitv bereichern, bleiben kommerzielle Fernsehsender immer
einen Schritt voraus. Sie haben immense Archive von Aufnahmen und Bearbeitungen, die zu jeder Zeit
wieder die Produktion neuer Inhalte beschleunigen können.
Gewährleiste ich die Veröffentlichung der
Quellmaterialien und der „Edit-Decision-Lists“ (was, wann, wie geschnitten wurde) baut sich von
alleine ein Archiv auf, das grundsätzlich wiederverwendbar ist.
Zusätzlich integrieren wir in den
Videoplayer direkt ein „Versioning System“. Clicke ich auf „Edit“ kann ich nicht nur das Video
selbst verändern, sondern sehe auch die verschiedenen Versionen, in denen diese Video schon vorkam
und kann mich so durch die diversen Bearbeitungen durchnavigieren. Bearbeite ich es selbst, werde
ich aufgenommen in die Liste der Bearbeitungen, die ausgewählt werden können. Natürlich muss ich es
nicht speichern, will ich aber das Video veröffentlichen, veröffentliche ich damit meine
bearbeitbare Version.
Werden die zu speichernden Datenmengen dadurch nicht
unbewältigbar?
Aus bisherigen Erfahrungen ist das
Verhältnis von verwendeten Material und Endproduktion ca. 1/10. Die Ergebnisse können jedoch in
alle Richtungen grob abweichen. Ausgehend von einer derzeit üblichen Komprimierung (600MB 1,5h)
hätte also eine eineinhalbstündige Dokumentation 6GB Material. Über eine Standardbreitbandanschluss
von 512Kb/s Upload (Chello Innsbruck) wäre das ein Upload von ca. 26h. Rechnet man eine
Arbeitsdauer von 2 Wochen für eine 1,5h Dokumentation wäre das pro Tag ca. 1.5 Stunden Upload.
Relativ viel, aber dafür, bekommt man Zugriff auf frei verwendbares Material. Dazu bleibt
anzumerken, dass die Bandbreite sich in den letzten Jahren pro Jahr ca. verdoppelt hat. Mit einem
experimentellen Projekt haben wir auch nicht vor, uns durch Beschränkungen, die in den nächsten 2
Jahren das Projekt nicht verunmöglichen, sondern nur verlangsamen, einschränken zu lassen.
Zusätzlich wollen wir jedoch die
Möglichkeit geben, Speicher- uns Ladestationen anzubieten, bei denen eine Transferrate von ca. 20
MByte/s möglich sind, was heißt, die Datenmenge kann in 5 min übertragen werden. Neben dem plankton
Atelier in Büchsenhausen, kann auch die P.M.K (plankton als aktives Mitglied) Nemosomenabende
hosten. Weitere Orte sind durchaus vorstellbar.
Zum Speichervolumen: Auf einem Terabyte
kann ich ca. 2500 Stunden Video speichern. Ein TB kostet mich ca. 250€. Der Speicherplatz, ist
selbst bei Doppeltspeicherung zur Sicherung nicht das Problem. Wichtig ist vielmehr einen Provider
in Innsbruck zu finden, bei dem ein direkter Upload, ohne Internet, möglich wäre. Die IKB oder die
DVT als öffentlichkeitsnahe Institutionen mit sowohl dem technischen KnowHow, als auch den
Anbindungen würden sich besonders anbieten, Abmachungen sind jedoch erst nach positivem
Förderbescheid möglich.
Ist das ganze jetzt Science Fiction, oder wie realitätsnahe ist die
Idee?
In Innsbruck laufen jetzt bereits ein
Projekta, das sich diesem Thema annähert.
Ein Projekt von plankton labs mit
sumotwister(von columbos next initiierter Zusammenschluss diverser Kulturtreibender) bei dem die
Live-Übertragung von Kulturevents mit mehreren Kameras experimentell erprobt wird.
Zusätzlich bringt plankton Labs inzwischen
6 Jahre an experimenteller Erfahrung an Arbeit mit Live-Video und diversesten Bearbeitungsformen
mit und Michael Hackl (Gründungsmitglied von plankton Labs) hat das Projekt nemosomen bereits 2001
initiiert.
Diverse benötigte Ansätze sind also
bereits im Experimentalstadium, die Vereinigung zum übergreifenden Projekt, das journalistisch und
dokumentarisch neue Welten für Innsbruck eröffnen kann, ist der missing link.
Da die Förderungsanträge bis jetzt jedoch
abgelehnt wurden ist dieses Projekt derzeit wenig aktiv.
Und warum ein Projekt, das von der Ausrichtung doch global klingt in
Innsbruck?
Die Anfangsphase eines derartigen
Projektes profitiert noch nicht von einem aufgebauten Archiv. Auch in einer nächsten Phase ist ein
Archiv von einigen wenigen Projekten bestückt. Je enger der Kontakt der involvierten Parteien ist,
desto schneller kommt ein Netzwerkeffekt zur Wirkung. In Innsbruck sind wir in der glücklichen
Position Naheverhältnisse zu den meisten Kulturschaffenden und Kulturvermittlern zu haben. In einer
stark vernetzen und „relativ überschaubaren“ Szene ist der Profit des Modells unmittelbarer und wir
können die durch Netzwerktechnik gestellten Probleme einfacher in den Griff bekommen.
Langfristig denken wir natürlich an
weitreichendere Umsetzung der Technik, doch um Erfahrungswerte, Feedback und ein Modell zu gewinnen
scheint Innsbruck ideal. Darüberhinaus wäre es für uns einmal schön, ein Innsbrucker Modell
exportieren zu können.
Ein anderer Punkt bleibt das massive
Medieninteresse in Innsbruck. Die Printmedienszene ist in einer Hand vereint (außer Echo und 20er),
Tirol TV hat kaum bis keine Kulturberichterstattung. Der Öffentlichkeitswille der Szene ist
dementsprechend als groß einzustufen, also wem sonst sollte man dieses Instrument in die Hände
legen.
Und das läuft jetzt nur auf Linux?
Auch wenn es verlockend erscheint, die
gesamte Software wird auf dem QT Framework aufgebaut, und von uns für Windows und Linux als
fertiges Produkt zum Download angeboten. Da die Software auch unter GPL veröffentlicht wird,
ermöglichen wir jedem Interessierten sie auch unter BSD, Solaris und Mac OSX zu kompilieren. Wenn
man uns die ausführbaren Dateien zukommen lässt werden wir sie auch gerne veröffentlichen.
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